Der verlorene «Tonino» kehrt zu seinem FC Zürich zurück

Publikumsliebling Antonio Marchesano kehrt nach gut drei Wochen zurück in den Letzigrund. Die Fans besingen ihn, die Choreo ist riesig, und ihm gelingt ein Tor. Eindrücke eines emotionalen Abends.

Es ist 20.30 Uhr, die Partie ist schon lange abgepfiffen, und alle Spieler sind bereits in der Kabine. Dann hallt erneut das metallische Klacken von Fussballschuhen auf Beton durch den Einlauftunnel des Letzigrunds. Im grünen Yverdon-Trikot und mit einem blauen «Südkurve»-Schal um den Hals, mit leicht feuchten Augen und einem breiten Lächeln erscheint Antonio Marchesano in der Interviewzone.

Zuvor hat sich der 34-Jährige minutenlang vor der Südkurve feiern lassen. Und nun verrät er, dass er vor dieser 1:2-Niederlage gegen den FC Zürich so nervös gewesen sei wie noch nie in seiner Karriere.

Legende mit Meistertitel

Marchesano ist in Zürich eine Legende: Er stand in neun Jahren 295-mal für den FC Zürich auf dem Feld und steuerte 132 Scorerpunkte bei. Er wurde Schweizer Meister und Cupsieger – immer in der Rolle des klassischen Zehners, der die Fans mit seiner Kreativität und seinem Spielwitz begeisterte. Und auch abseits des Platzes wurde der Tessiner dank seiner bodenständigen Art von den Anhängern geschätzt.

Er ist ein Künstler, der die Aufmerksamkeit nie gesucht hat – der Zauberer des Letzigrunds.

«Tonino», wie ihn die Fans nennen, ist einer von ihnen. Das zeigt sich auch bei seiner Rückkehr, als die Südkurve ihm eine Choreo widmete und nach dem Spiel minutenlang seinen Namen skandierte. «Überragend, was sie für mich gemacht haben», sagt Marchesano dazu

Abschiedschoreo der Südkurve vor dem Spiel gegen Yverdon. Quelle: Bluewin

Unerwarteter Abgang

Aber warum ist Marchesano überhaupt zu Yverdon gewechselt? Und das so plötzlich? Für FCZ-Sportchef Milos Malenovic ist der Grund klar: das Geld. «Marchesano verdient bei Yverdon rund das Doppelte», erklärte Malenovic an einer Pressekonferenz Anfang Februar.

Ganz so einfach ist es nicht: Nach der Winterpause bekam Marchesano, wegen eines personellen Umbruchs beim FCZ, kaum noch Einsatzzeit. Auch andere Leistungsträger der letzten Saison wie Cheick Condé, Jonathan Okita oder Nikola Katic wurden verkauft, beziehungsweise ausgeliehen. Identifikationsfigur Mirlind Kryeziu sowie Ifeanyi Mathew sind ebenfalls aussortiert oder befinden sich auf dem Absprung.

Zudem häufen sich Störmeldungen rund um den Verein, etwa die kurze Inhaftierung von Daniel Denoon oder die umstrittene Verpflichtung von Benjamin Mendy.

Auch sportlich läuft es gerade alles andere als rund. Nach dem gelungenen Saisonstart ist der FC Zürich inzwischen unter den Strich gefallen, eine kleine Krise hat sich breitgemacht. Gut möglich also, dass das Geld nicht der einzige Grund für Marchesanos Wechsel war.

Mit Brecher den Penalty vorbesprochen

Sportlich läuft es in Yverdon für Marchesano besser. In fünf Spielen hat er bereits drei Tore erzielt. Auch bei seiner Rückkehr in den Letzigrund gelang ihm per Elfmeter der zwischenzeitliche Ausgleich. Kein Selbstläufer – stand im Tor doch Yanick Brecher, mit dem Marchesano jahrelang zusammenspielte und der ihn besser kennt als jeder andere Goalie. «Ich habe am Donnerstag mit Yanick telefoniert und wir haben ein bisschen über genau diese Situationen geredet», verrät Marchesano. «Ich habe mich allerdings schon am Mittwoch entschieden, in welche Ecke ich schiessen würde.»

Marchesano über seinen Ex-Teamkollegen Yanick Brecher. Quelle: Privat

Vielleicht stehen sich Marchesano und Brecher in dieser Saison nochmals in einem Elfmeterduell gegenüber: Beide Clubs befinden sich unter dem Strich, ein Wiedersehen in der Abstiegsrunde ist also denkbar.

Sicher ist jedoch, dass Marchesano stets mit einem guten Gefühl nach Zürich reisen wird, weil sich dort ein Teil von ihm zuhause fühlt. Aber sein Trikot ist nun grün, und er wird im Letzigrund fortan «seine Emotionen kontrollieren», sagt er. Denn auch wenn er weiterhin Tore im Letzigrund schiesst: Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war.