Das Zürcher Startup CellX Biosolution von Estelle Clerc hat grossen Erfolg, doch es steckt noch grosse Arbeit drin
Das Zürcher Startup CellX entwickelt spezialisierte Bakterien, die umweltschädliche Chemikalien wie beispielsweise Pestizide und Mikroplastik abbauen. Besonders in der Chemie- und Pharmaindustrie sollen sie helfen, Abfälle zu neutralisieren und so die kostspielige sowie umweltschädliche Verbrennung zu ersetzen.

Foto: Alan Skenderi
Gegründet wurde CellX von der ehemaligen ETH-Doktorandin Estelle Clerc. Estelle Clerc kommt ursprünglich aus der Nähe von Lausanne. Während ihrer Forschung entdeckte sie, dass bestimmte Bakterien nicht nur natürliche Stoffe, sondern auch Schadstoffe abbauen können. Mit Unterstützung von Förderprogrammen wie Innosuisse und dem Zürcher Klimafonds entwickelte sie ihre Idee weiter.
Das Besondere an CellX ist die exklusive Methode, mit der gezielt Bakterien aus der Natur isoliert werden. So können sie präzise Mikroorganismen identifizieren, die eine bestimmte Abbau-Funktion besitzen. Darüber hinaus kombiniert CellX diese Bakterien gezielt zu effizienten Gruppen, die zusammenarbeiten und Schadstoffe schneller und effektiver abbauen als bisherige Lösungen. Diese Kombination aus präziser Selektion und optimierter Kooperation der Bakterien macht CellX einzigartig.
Das Team von CellX besteht aus sechs Personen. Estelle Clerc ist CEO, während Geoffrey Besnier, ihr ehemaliger Coach von der ETH Zürich, die Rolle des COO übernommen hat. Das Team besteht aus Personen mit verschiedenen Spezialgebieten, darunter Mikrobiologie, Chemie, Umweltingenieurwesen und Geschäftsentwicklung. Der Hauptsitz des Startups befindet sich auf dem Campus der ETH Hönggerberg.
Estelle Clerc, wenn Ihr Startup eine geheime Zutat hätte, die es erfolgreich macht, welche wäre das und warum?
Nun, ich bin mir nicht sicher, ob ich sie schon gefunden habe. Aber ich denke, man muss eine Idee haben, für die es einen Bedarf auf dem Markt gibt. Also etwas, das die Leute brauchen. Das, was wir hier machen, ist eine echte Innovation im Bereich der Biotechnologie. Ich denke, das ist der Schlüssel zu unserem erfolgreichen Startup.
Was unterscheidet Sie von anderen Firmen, die auch versuchen, Bakterien zu verwenden, um Chemikalien aufzulösen?
Unser Hauptvorteil ist, dass wir in der Lage sind, die Nadel im Heuhaufen zu finden mit Hilfe unserer „Angelrute“. Wir sind also wirklich in der Lage, in dieser riesigen Mischung von Bakterien, die es in der Umwelt gibt, genau die zu finden, die wir für eine bestimmte Aufgabe brauchen. Der zweite Teil ist, dass die Menschen bei der so genannten Bioremediation oft ein einzelnes, einzigartiges Bakterium für eine bestimmte Aufgabe einsetzen wollen. Aber oft ist ihre Fähigkeit, etwas zu tun, sehr begrenzt. Wir kombinieren also mehrere von ihnen miteinander und schaffen so eine Art Bakteriencocktail, der gemeinsam eine bestimmte komplexe Chemikalie abbaut. Das ist sehr viel effizienter und stabiler, wenn man es in eine bestimmte Umgebung bringt. Das kann in der Industrie oder in der Natur sein.
Wer nutzt Ihr Startup?
Die Kunden sind Chemieproduzenten. Nehmen wir ein Beispiel: Agrochemische Unternehmen, die Pestizide herstellen. Bei der Herstellung dieser Art von Chemikalien fällt in der Produktionslinie eine Menge chemischer Abfall an. Und um diese Abfälle loszuwerden, werden sie derzeit meist verbrannt. Das ist sehr teuer. Es erzeugt zudem auch CO₂, und davon wollen diese Unternehmen wegkommen. Unser Produkt soll auch verhindern, dass verdünnte Chemikalien in die Kläranlagen gelangen und später in die Umwelt.
Welche andere Kunden haben Sie?
Pharmaproduzenten, Kunststoffproduzenten, Ölproduzenten und viele mehr.
Was hat Sie dazu inspiriert, Ihr Unternehmen zu gründen?
Ich habe immer versucht, den Leuten etwas zu verkaufen, aber ich war auch sehr neugierig. Deshalb wollte ich zuerst Wissenschaftlerin werden. Während meiner Doktorarbeit, die ich an der ETH im Bereich Umwelttechnik gemacht habe, entdeckte ich die Microfluidics-Technologie.

Foto: Alan Skenderi
Was ist das für eine Technologie?
Mit dieser Technologie konnte ich Bakterien im Meer studieren und herausfinden, welche Nahrung sie gerne essen, nämlich natürliche Dinge wie Zucker.
Zucker?
Ja, im Ozean gibt es eine Menge Zucker. Pflanzen, Algen und Mikroorganismen produzieren während der Photosynthese Zucker und setzen ihn in die Umwelt frei. Aber ich erkannte sehr schnell, dass das Gerät, das ich benutzte, auch dazu verwendet werden konnte, Bakterien einzufangen, die sich von Schadstoffen von Industrieprodukten ernähren.
Wie ging es dann weiter?
Im ersten Jahr meiner Promotion, die fünf Jahre dauerte, hatte ich ein wenig Zeit, mich mit der Geschäftsidee zu beschäftigen und Kurse zu besuchen, um zu sehen, ob meine Idee realisierbar wäre.
Haben Sie ihr Angelgerät erfunden, um die Bakterien selbst aufzusammeln?
Ja. Sie wurde während meiner Promotion zusammen mit dem Labor und mit dem Ingenieur hier in meinem Team entwickelt.
Welchen Herausforderungen sahen Sie sich zu Beginn der Unternehmensgründung gegenüber?
Ganz am Anfang war mein grösstes Problem, dass ich Wissenschaftlerin war und zuerst lernen musste, wie man ein Unternehmen gründet. Ich wusste also nicht, wo ich anfangen sollte. Dann war eine zweite Herausforderung, alles allein zu machen.
Welche konkreten Unterstützungsangebote der Stadt Zürich haben Ihnen bei der Gründung geholfen?
Am Anfang, als ich gerade eine Idee hatte, hat die Stadt Zürich nicht sofort geholfen. Ich habe die Hilfe auch nicht gesucht. Nun haben wir aber diese erhalten.
Welche?
Die Stadt Zürich hat ein Programm entwickelt, das KlimUp heisst. Es ist ein Programm, mit dem sie Start-ups finanzieren. Sie geben bis zu 250.000 Franken, für Start-ups, die CO2-Emissionen verhindern. Im Dezember haben wir den Zuschlag bekommen. Aber man muss gleichzeitig Geld von diesen professionellen Investoren auftreiben. Wenn man also 250’000 CHF von den Investoren erhalten hat, bekommt man 250’000 CHF von KlimUp umsonst. Es ist also wie ein Zuschuss. Es gibt noch ein Programm mit Workshops, in denen man den Aufbau eines Geschäftsmodells lernt. Dort lernt man, wie man ein Geschäftsmodell aufbaut, wie man mit Kunden spricht, wie man ein Netzwerk aufbaut. Das ist also ein bisschen die Unterstützung, die die Stadt Zürich für uns getan hat, zusätzlich zum Umfeld.
Und welche Rolle spielen die Inkubatoren- und Förderprogramme bei ihrer Geschäftsentwicklung? Geben sie ihnen auch neue Informationen oder arbeiten sie mit anderen Startups zusammen oder ähnliches?
Wenn man neu in diesem Startup Business ist, ist die Zusammenarbeit mit anderen Startups manchmal ein bisschen kompliziert, weil man selber nicht sehr stabil ist. So ist die Zusammenarbeit mit einem weniger stabilen Startup oft schwierig. Wir haben Verbindungen zu anderen Start-ups, aber bei aktuellen Projekten nicht so sehr. Aber bei anderen, was Förderprogramme und so weiter angeht, hat es mir viel gebracht. Ich denke also, dass es wirklich immer sehr positiv ist, ein Auge auf diese Unterstützungsmöglichkeiten zu werfen.
Wenn ein Startup nicht das Ziel hat, die CO₂-Produktion zu stoppen, wird es auch vom der Stadt unterstützt?
Die Unterstützung durch die Stadt Zürich ist sehr gezielt auf Startups ausgerichtet, die im Bereich der Nachhaltigkeit tätig sind. Das bedeutet, sie bekämpfen den Klimawandel, die Umweltverschmutzung oder reduzieren den ökologischen Fußabdruck von Fleisch. All diese Initiativen sind im Grunde genommen mit Nachhaltigkeit verbunden. Was den Rest betrifft, bin ich mir nicht sicher.
Wie steht es um die Zusammenarbeit mit der ETH, wo Sie Ihre Labors haben?
Wir sind derzeit als Forscher an der ETH angestellt und dürfen daher kostenlos hier bleiben. Sobald jedoch einer von uns, wie zum Beispiel Geoffrey, mein Mitgründer, von CellX bezahlt wird, müssen wir eine Gebühr an die ETH zahlen.

Foto: Alan Skenderi
Und wie wichtig war die Zürcher Infrastruktur, wie zum Beispiel der Zugang zu Universitäten und Forschungszentren, für den Erfolg Ihres Startups?
Wesentlich, denn ohne die Möglichkeit, an der ETH mein PhD zu erarbeiten, gäbe es nichts. Ich denke, dass alle Startups im wissenschaftlichen Bereich, im Ingenieurwesen und in Zürich von den höheren Institutionen ire Anfang nehmen
Wie finanzierten Sie Ihr Startup?
In der Schweiz gibt es sehr viel Geld für Innovationen. Es gibt diese Schweizer Innovationsagentur, sie heisst InnoSuisse. Man kann sich bewerben, wenn man eine Idee hat, die wissenschaftlich fundiert ist, und Potenzial für die Wirtschaft hat. So hat es also angefangen. Im Grunde habe ich mehrere Stipendien erhalten.
Mehrere?
Genau. Wir bekamen eine Menge Geld. Wir waren sehr erfolgreich. Damit finanzierten wir den Anfang des Startups.
Und danach?
Dann mussten wir von Investoren Geld auftreiben. Und das haben wir gerade gemacht, damit wir jetzt genug Geld für die nächsten zwei Jahre haben.
Was sind Ihre langfristigen Ziele für Ihr Startup?
Langfristig wollen wir unsere Bakterien nutzen, um die Umweltverschmutzung zu beseitigen, im Boden, im Zürich See oder überall dort, wo es Verschmutzung gibt, und leider ist die Verschmutzung überall. Es gibt also eine Menge Arbeit.
Wie sehen Sie die Zukunft des Startup-Ökosystems?
Ich glaube, dass sich diese Entwicklung immer weiter fortsetzen wird. Die Schweiz ist bereits ein Zentrum für Innovation. Lausanne ist stark in der Gründung von Start-ups, insbesondere im Bereich der Medizintechnik. Zürich hingegen legt viel Wert auf Nachhaltigkeit. Besonders mit der neuen Finanzierung, die die Stadt Zürich ins Leben gerufen hat, wird die Entwicklung neuer Start-ups stark gefördert.
