«Ich dachte: Die Schweiz oben? Hä?»

Denise Biellmann im Interview:

Denise Biellmann über die Entwicklung des Eiskunstlaufs, den Erfolg von Lukas Britschgi und die Zukunft des Schweizer Eiskunstlaufs

Denise Biellmann ist eine Legende des Eiskunstlaufs. 1981 gewann sie als erste Schweizerin die Europameisterschaft und Weltmeisterschaft und prägte mit der nach ihr benannten „Biellmann-Pirouette“ den Sport bis heute. Umso mehr freute die 62-Jährige sich, als mit Lukas Britschgi erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Schweizer Eiskunstläufer für grosse Aufmerksamkeit sorgte.

Wo haben Sie Lukas Britschgis Kür zu EM-Gold geschaut?

An dem Abend hatte ich eine Veranstaltung – ich war für die „Gesichter und Geschichten“-Awards nominiert. Erst auf dem Heimweg habe ich das Ergebnis gesehen und dachte nur: „Die Schweiz oben? Hä? Das kann nicht sein!“ Ich konnte es kaum glauben, aber habe mich natürlich riesig gefreut. Zuhause schaute ich mir seine Kür ganz entspannt an.

Sie haben 1981 die Europa- und Weltmeisterschaft gewonnen und sind bis heute eine Legende im Eiskunstlauf. Wie hat sich der Sport Ihrer Meinung nach seit Ihrer aktiven Zeit verändert?

Der Sport hat sich enorm weiterentwickelt, besonders was das Material betrifft. Schlittschuhe sind heute viel leichter, aber gleichzeitig härter und stabiler. Auch technisch hat sich einiges getan: Als ich 13 Jahre alt war, konnte ich bereits alle fünf verschiedenen Dreifachsprünge – das war damals eine Seltenheit. Heute sieht man diese Sprünge häufiger bei Welt- und Europameisterschaften, aber es bleibt eine grosse Herausforderung. Bei den Männern schaffen viele auch Vierfachsprünge, während das bei den Frauen nur selten vorkommt.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren EM-Titel? Gab es einen besonderen Schlüsselmoment?

Schon mit sieben Jahren träumte ich davon, Weltmeisterin zu werden. Als ich dann zuerst tatsächlich die Europameisterschaft gewann, war das ein riesiger Moment. Aber der eigentliche Wendepunkt kam einen Monat später, als ich auch Weltmeisterin wurde. Plötzlich kamen Werbeanfragen, Verträge und Filmangebote, und ich wurde für grosse Shows engagiert. Mein Leben veränderte sich grundlegend.

Nach 43 Jahren hat mit Lukas Britschgi wieder ein Schweizer EM-Gold gewonnen. Was bedeutet das für den Schweizer Eiskunstlauf?

Das ist ein historischer Moment! Nach langer Zeit ohne EM-Gold ist es ganz besonders, dass Lukas Britschgi diesen Triumph erzielt hat. Sein eleganter Lauf und seine Ausstrahlung haben das Publikum begeistert – ein grosser Erfolg, der in den Medien auch viel Beachtung fand.

Kennen Sie Lukas Britschgi schon länger?

Ja, ich kenne ihn schon lange aus dem Training. Er hatte immer schon einen besonderen Stil – mit cooler Musik und viel Energie in seinen Läufen. Besonders gefällt mir sein moderner Stil und dass er neue Elemente ausprobiert. Auch sein Temperament macht ihn einzigartig.

Was würden Sie ihm für seine weitere Karriere mit auf den Weg geben?

Ich wünsche Lukas, dass er seine sympathische, bodenständige Art und Bescheidenheit bewahrt – und vor allem seine Freude am Sport behält. Denn das ist das Wichtigste für den Erfolg! Natürlich braucht es auch Disziplin und eine gewisse Konsequenz, aber wenn die Freude verloren geht, wird es schwierig. Ausserdem hoffe ich, dass er verletzungsfrei bleibt.

Was braucht es heute, um international an die Spitze zu kommen?

Eiskunstlauf ist extrem intensiv. Man braucht Sprungkraft, schnelle Drehungen, Beweglichkeit und auch ein Gefühl für Musik und Ausdruck – quasi ein Talent für Ballett. Aber Talent allein reicht nicht aus. Ein unterstützendes Umfeld, etwa durch die Familie, und eine effiziente Organisation sind entscheidend, damit sich Athleten voll auf den Sport konzentrieren können. Dabei spielen Freude und Leidenschaft natürlich eine zentrale Rolle.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Schweizer Eiskunstlaufs und was wünschen Sie sich für die Zukunft des Sports?

Der Schweizer Eiskunstlauf eingewickelt sich gut. Besonders bei den jungen Läuferinnen gibt es viele Talente in allen Altersklassen, und auch die Förderung stimmt. Das Poternzial ist vielversprechend. Ich wünsche mir mehr Kreativität in den Programmen. Eiskunstlauf soll die Zuschauer fesseln – auch im Fernsehen. Ich hoffe auch, dass sich gewisse Regeln weiterentwickeln, damit der Sport noch attraktiver wird.  Aber grundsätzlich geht es in eine gute Richtung, mit Anpassungen und neuen Programmen, die das Publikum begeistern können.

Wie sieht es im Nachwuchs aus?

Im Männerbereich ist der Nachwuchs weniger breit aufgestellt. Neben Lukas gibt er aktuell nur Naoki Rossi, der sich erst stabilisieren muss, und den jungen Ean Weiler, der noch am Anfang steht

Bei den Frauen sieht es anders aus. Es gibt viele junge Talente in der Schweiz, die das Potenzial haben, in Lukas’ Fußstapfen zu treten. Namen wie Kimmy, Livia oder Leandra fallen mir sofort ein. Der Nachwuchs ist hier wirklich stark, und ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt.