«Cristiano Ronaldo wollte in allem gewinnen – selbst beim Tischtennis»

Nuno Gomes im Interview

Ex-Stürmerstar Nuno Gomes über schwierige Rücktritte, verpasste Chancen und Cristiano Ronaldos Ehrgeiz.

Quelle: privat

Nuno Gomes gehörte zu einer goldenen Generation des portugiesischen Fussballs. Als eleganter Stürmer prägte er Benfica Lissabon und die potugisiesche Nationalmannschaft. Er nahm an mehreren grossen Turnieren teil. Bei der EM 2000 gehörte er zu den besten Torschützen. Während seiner Karriere spielte er an der Seite vieler grosser Spieler, darunter Cristiano Ronaldo. Der heute 48-jährige Gomes arbeitet für die FIFA, engagiert sich in Afrika und blickt mit gemischten Gefühlen auf seinen Rücktritt zurück.

Nuno Gomes, Sie haben 2013 Ihre Karriere beendet. Wie schwer war dieser Schritt für Sie?

Sehr schwer. Ich war 36, fühlte mich physisch gut und hätte weiterspielen können. Doch das richtige Angebot blieb aus, und der ehemalige Benfica-Präsident, rief mich ständig an, damit ich anfange, mit ihm im Verein zu arbeiten. Ich versuchte, in den USA eine Herausforderung zu finden und neue Erfahrungen zu sammeln, aber es kam kein Vertrag zustande, und mir wurde klar, dass meine Karriere endete. Ich wollte im Fussball bleiben, aber nicht als Trainer, sondern im Management. Zunächst war ich Direktor für internationale Beziehungen bei Benfica, habe dort allerdings nichts gemacht (lacht). Deshalb entschied ich mich, Sportmangement zu studieren, um mich besser auf die Zukunft vorzubereiten. Heute sind Spieler informierter und planen früher für die Zeit nach dem Fussball.

Haben Sie Ihren Abschied geplant, ähnlich wie Roger Federer sein Karriereende?

Überhaupt nicht. Federer hatte eine klare Vision von seinem Karriereende. Ich hingegen schob alles vor mir her und sagte mir: «Ich bin glücklich, wie es ist.» Doch dann stehst du plötzlich da – ohne Plan. Von einem Tag auf den anderen veränderte sich mein ganzes Leben: keine Spiele, kein Training, keine Reisen mit der Mannschaft. Die ersten Monate fühlte ich mich verloren. Ich saß drei oder vier Tage lang zu Hause im Pyjama und starrte die Wände an, wusste nicht, was ich tun sollte. Selbst das Duschen daheim war ungewohnt, weil ich es jahrelang nur in der Kabine kannte. Ein Freund von mir geht heute noch nach dem Padelspielen in die Vereinsduschen – einfach weil es sich vertrauter anfühlt. Der mentale Aspekt war definitiv härter als der physische. Auch die Ferien waren plötzlich anders: Früher hatte ich nur zwei Wochen im Juni, jetzt kann ich selbst entscheiden, wann ich verreise.

Quelle: privat

Würden Sie es heute anders machen?

Gibt es viele Benfica-Fans in deiner Schule? (lacht) Ich will hier jetzt niemanden angreifen oder verletzen, aber vielleicht wäre ich offener gewesen für gewisse Angebote. Ich lehnte eines von Liverpool ab, um zu Benfica zurückzukehren. Ich bereue es nicht wirklich, aber es wäre eine grossartige Erfahrung gewesen. Heute würde wohl kaum jemand ein solches Angebot ablehnen, doch damals entschied ich mich für mein Herz und Benfica.

Heute wechseln viele Spieler nach Saudi-Arabien, das mit viel Geld lockt. Hätten Sie das auch getan?

Ja, wahrscheinlich. Früher dachte ich anders, aber heute verstehe ich das ganze Bild: Eine Fussballkarriere ist kurz. Du kannst Titel gewinnen, aber am Schluss bezahlst du im Supermarkt nicht mit Trophäen. Ich würde heute auch am Karriereende gehen, denn es ist eine gute Möglichkeit, seine aktive Laufbahn zu verlängern und viel Geld zu verdienen. Der Fussball hat sich in Bereichen wie Ernährung, Medizin und Verhinderung von Verletzungen enorm weiterentwickelt. All das hilft, eine Karriere zu verlängern. Cristiano Ronaldo hat bei Al-Nassr den wohl besten Vertrag seines Lebens unterschrieben. Er ermöglicht ihm, seine Karriere fortzusetzen und sein Ziel von 1000 Toren zu erreichen. Angesichts seines unermüdlichen Ehrgeizes und seiner beeindruckenden Leistungen denke ich, dass er sein Lebensziel erreichen wird.

Sie waren Ronaldos Kapitän in der portugiesischen Nationalmannschaft. Wie war er?

Er kam mit 18 Jahren in die Nationalmannschaft und war von Anfang an äusserst respektvoll, aber extrem ehrgeizig. Besonders beeindruckt haben mich seine Athletik, Technik und Schnelligkeit. Wir wussten, dass er ein grosser Spieler werden würde, aber dass er dieses unglaubliche Niveau erreichen würde, hätte ich nicht erwartet. Ich denke, dass sein Ehrgeiz und seine starke Mentalität ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Schon damals wollte er in allem gewinnen, selbst beim Billiard, Kartenspielen oder Tischtennis im Hotel. Ich erinnere mich: Wenn er im Tischtennis verlor, trainierte er nachts allein weiter, um dich am nächsten Tag wieder herauszufordern – und zu schlagen. Es ist verrückt, denn ausserhalb des Spielfelds war er in genau solchen Aktivitäten auch immer der Beste.

Quelle : Beitrag von Twitter von @TeamCRonaldo

Sie selbst haben in Ihrer Karriere auch grosse Momente erlebt. Welches Spiel würden Sie gerne nochmals erleben – vielleicht auch mit einem anderen Ausgang?

Ganz klar das 3:2 gegen England an der EM 2000. Wir lagen 0:2 hinten, kamen zurück, und ich erzielte das entscheidende Tor. Dieses Spiel zählt heute noch zu den besten in der Geschichte der EM. Natürlich würde ich auch gerne das EM-Finale 2004 gegen Griechenland wiederholen – mit einem anderen Ausgang. Wir hatten den Traum und die Chance, Europameister zu werden, und hätten das Finale vor heimischem Publikum gewinnen können. Niemals hätten wir gedacht, es gegen Griechenland zu verlieren. Doch so ist Fussball nun mal. Es dauerte definitiv eine Weile, sich davon zu erholen.

Gab es einen Verein, für den Sie gerne gespielt hätten?

Real Madrid. Wegen der grossartigen Geschichte und des Mythos, den das Santiago-Bernabéu umgibt. Dort zu spielen, wäre für mich ein Traum gewesen.

Was raten Sie jungen Spielern, die von einer grossen Karriere träumen?

Talent allein reicht nicht mehr. Man muss hart arbeiten, sich jeden Tag verbessern wollen und bereit sein, bereits in jungen Jahren Opfer zu bringen und auf Sachen zu verzichten. Auf die Trainer hören, Teamkollegen und Gegner respektieren und an sich selbst glauben.

Cristiano Ronaldo ist das beste Beispiel dafür: Er hatte Talent, aber seine Arbeitsmoral machte ihn zur Legende. Dasselbe gilt für seinen Sohn Cristiano Junior (14). Talent hat er, doch ob er mit seinem Vater zusammenspielen wird, hängt von seiner Einstellung und seinem Hunger ab.

Vermissen Sie das Profidasein?

Ja, sehr sogar. Ich vermisse den Alltag mit meinen Teamkollegen, das Spielfeld, die Wettkämpfe und auch den Druck. Ich hatte nie das Gefühl, einen Job zu machen. Es war meine Leidenschaft. Die besten Tage meines Lebens habe ich auf dem Fussballplatz verbracht, weil ich meinen Kindheitstraum leben durfte und meine Nation vertreten konnte.

Noch heute zappeln meine Füsse, wenn ich ein Spiel im Stadion anschaue.